Thema Monatsgruß 02 03 | 2018

Eine junge Familie mit einem elfjährigen Kind zieht nach Lindau-Reutin. Der Vater möchte sich über die Mittelschule und darüber, wie er seine Tochter dort anmelden kann, informieren. Der Vater fährt mit seinem Rollstuhl zur Schule. Am Schuleingang findet 
er einen Plattformlift vor, der ihm helfen könnte, die Treppen zum Eingang hin zu überwinden. Benützen Benützen kann er ihn 
nicht, weil er dazu den Hausmeister und seinen Schlüssel bräuchte, doch der ist in diesem Moment nicht da. Eine Mutter, die er zufällig vor der Schule trifft, erzählt ihm, dass es im Pausenhof auf der Rückseite der Schule einen weiteren Aufzug gibt, der direkt in 
den 1. Stock zum Sekretariat hinführt. Dort fährt er hin, doch das Hoftor ist abgeschlossen. Unverrichteter Dinge fährt er wieder 
nach Hause zuürck.

So oder so ähnlich kann es Menschen mit Behinderung ergehen. 
Es wird viel für sie getan, doch gewisse Barrieren bestehen immer und überall. Deutschland hat sich dazu verpflichtet, die Inhalte 
der UN-Behindertenrechtskonvention umzusetzen. Die Vertragsstaaten verpflichten sich, die volle Verwirklichung aller Menschenrechte und Grundfreiheiten für alle Menschen mit Behinderungen ohne jede Diskriminierung aufgrund von Behinderung zu gewährleisten und zu fördern. Der Artikel 9 der UN-BRK besagt, dass der Staat alle Maßnahmen trifft, um Menschen mit Behinderung eine unabhängige Lebensführung und die volle Teilhabe an allen Lebensbereichen zu ermöglichen. Deswegen werden auch in Lindau in Kindergärten, Schulen, Verwaltungsgebäuden, Gemeindehäusern oder Museen unzählige Aufzüge, Behindertentoiletten oder breite Türen eingebaut. Doch Barrierefreiheit schaffen diese 
Maßnahmen nicht automatisch. Das Beispiel der Mittelschule
zeigt: Der Aufzug ist vorhanden, doch der Rollstuhfahrer kann 
ihn nur mit fremder Hilfe nutzen.

 

Ungehinderter Zugang ist das Ziel

Barrierefreiheit ist noch ein recht junges Wort. Was ist damit eigentlich gemeint? Experten für die Barrierefreiheit in Lindau 
sind Eike von Hoyer und Anton Ziegler. Eike von Hoyer ist Vorsitzender des Behindertenbeirates, Anton Ziegler Behindertenbeauftragter des Landkreis Lindau. Für sie beide bedeutet Barrierefreiheit, dass Menschen mit Behinderung in Omnibusse oder Gebäude kommen können, ohne durch Schwellen, Stufen, Treppen, Türen oder Bodenbeläge behindert zu werden.
Laut Eike von Hoyer und Anton Ziegler hat die Stadt Lindau viel 
für die Barrierefreiheit bei den Stadtbussen getan. Die aktuellen Stadtbusse können sich so absenken, dass ein Rollstuhlfahrer vom Gehsteig aus in den Bus hineinrollen kann. Die Gehsteige müssen eine bestimmte Höhe aufweisen, damit das gelingt. Bei 35 Bushal-testellen sei das der Fall, bei 102 Haltestellen sei das noch nicht möglich. Der Stadtrat habe deswegen kürzlich ein neues Haltestellenkonzept beschlossen, das eine bauliche Veränderung dieser Haltestellen vorsieht.

 

Bessere Lösungen wären möglich

Die barrierefreien Maßnahmen bei öffentlichen Gebäuden beurteilt Anton Ziegler sehr ambivalent. Als Behindertenbeauftragter sei es seine Aufgabe, bei Umbau oder Neubau von öffentlichen Gebäuden eine Stellungnahme abzugeben. Leider würden diese nicht immer umgesetzt, es kommen häufig Kompromisse heraus. 
„Die Mittelschule Reutin ist für mehrere Millionen Euro vor ein paar Jahren saniert worden. Ich habe für einen zentralen Aufzug plädiert, 
herausgekommen ist ein Plattformlift beim Zugang zur Schule“.
Er würde sich wünschen, dass seine Verbesserungsvorschläge
zur Barrierefreiheit bei Bauvorhaben widerstandsloser und vollständiger umgesetzt werden. „Oft kommt die Aussage, die Vorschläge 
sind zu teuer. Aber wenn sie rechtzeitig eingeplant werden, lassen sie 
sich gut einfügen und verteuern ein Bauprojekt nur unwesentlich. Zudem lassen sie sich bei rechtzeitiger Planung auch ästhetisch gut 
in den Bau einbeziehen.“ Apropos Ästhetik. Anton Ziegler berichtet, dass er für die Sanierung des Stadtmuseums „Cavazzen“ den Bau einer Rampe für Rollstuhlfahrer vorgeschlagen hat. Diese würde entlang des Gebäudes zum Haupteingang hinführen. Der Denkmalschutz hat sich gegen diese Rampe ausgesprochen, sie würde die historische Ansicht des Gebäudes empfindlich stören. Eike von Hoyer, wie er selbst stolz und ein wenig schelmisch erzählt, hat daraufhin im Internet recherchiert und ein prominentes Beispiel dafür gefunden, dass so ein barrierefreier Zugang sich vorzüglich
in historische Gebäude integrieren lässt: Notre Dame in Paris. 
Ihr Kirchenraum befindet sich auf verschiedenen Ebenen, die 
mit Treppen untereinander verbunden sind. Eine der wichtigsten Treppen ist so umgestaltet worden, dass der Rollstuhlfahrer auf sie zufährt, auf einen Knopf drückt und die Treppe sich vor ihm ebenerdig absenkt. Der Rollstuhlfahrer kann auf die abgesenkte 
Platte drauf rollen, die Platte fährt hoch und die Barriere ist 
überwunden. Was in Notre Dame geht, müsste doch auch am Cavazzen möglich sein.

 

Mittendrin sein, nicht am Rand

Was wünschen sich Eike von Hoyer und Anton Ziegler für die Zukunft der Barrierefreiheit in Lindau? „Es wäre schön, wenn 
Inklusion einfach da wäre und nicht so hart erkämpft werden müsste. Dass es gelebt wird, ohne großes Nachdenken, ohne darauf aufmerksam machen zu müssen.“  Sie wünschen sich, dass Menschen mit Behinderung mittendrin sind, nicht am Rand, dort, wo alle anderen auch sind und mitfeiern, mitarbeiten, mitleben können – ohne ausgegrenzt zu sein.

Solche Gedanken stimmen nachdenklich. Trotz aller Bemühungen, Barrieren niederzureißen, bleiben die Barrieren in den Köpfen. Wir haben uns eingerichtet mit den Schubladen, in die wir Menschen einsortieren. Eine davon heißt behindert, die andere nicht-behindert. Menschen mit Behinderung werden beurteilt nach dem, was sie kosten und nicht können und welche Hilfe sie bedürfen – und 
nicht einfach angesehen als Menschen. Das ist entwürdigend 
und gegen den Kern des christlichen Glaubens. Paulus wird nicht 
müde zu betonen, dass wir alle verschiedene Glieder mit unterschiedlichen Begabungen an dem einen Leib Christi sind. Wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass es normal ist, verschieden zu sein – und dass trotz aller Verschiedenheit, die es unter Menschen gibt, wir alle einfach Menschen sind, Geschöpfe, Kinder Gottes. Verschiedene Glieder an dem einen Leib Christi.

Jörg Hellmuth, Pfarrer