Thema Monatsgruß 04 05 | 2018

Wer regiert uns?

Die dritte Jahrhundertkrise innerhalb von 10 Jahren! Regierung und Politik sind am Ende. Einziger Ausweg scheinen Unternehmensberater zu sein. Diese entscheiden, das Land muss sich selbst neu erfinden: Zum Beispiel durch einen neuen Namen für das Land. Keine lästige Verpflichtungen aus der Geschichte, dafür neue Helden, neue Kultur, neue Gesetze, neue Formen der Regierung.

 

Mit dieser Ausgangslage beginnt der lesenswerte Roman „Qualityland“ von Marc-Uwe Kling (Berlin, 2017), der mit seinem Werk einen Blick 
in die vielleicht gar nicht mehr so ferne Zukunft wirft. Der Autor bietet eine verlockende Alternative zu unserer Demokratie an: Wahlen sind nicht mehr notwendig. Die Regierungen sind durch Unternehmen ersetzt. Ein Versandriese namens „the shop“ erkennt durch eingepflanzte Mikrochips Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung 
und stillt sie durch die Zusendung von mehr oder weniger nützlichen Dingen. Alle Krisen scheinen überwunden zu sein, und auf den 
ersten Blick sind alle glücklich und zufrieden.

 

Marc-Uwe Kling stellt mit seinem Roman auch die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen und werden. Natürlich taucht auch die Frage auf: Wer regiert in der Zukunft unser Land? Gewählte Regierungen oder Wirtschaftsunternehmen? Sind Wahlen dann noch notwendig? 
Dann wäre es mit unklaren Wahlergebnissen, mit einer quälenden Regierungsbildung und auch mit der Diskussion um Neuwahlen vorbei. Auch die politischen Parteien wären am Ende überflüssig.

 

Nach den Erfahrungen der letzten Wochen und Monate scheint dies eine verlockende Möglichkeit. Aber dies wäre auch der Verlust des direkten persönlichen Einflusses auf die Politik und die Gesellschaft. Wenn private Konzerne über unser Leben bestimmen, dann sind diese mehr an ihrem Geschäft und ihren Gewinnen interessiert als am 
Wohl der Allgemeinheit.

 

Unsere Gesellschaft würde sich noch erheblich verändern: Grund-
rechte und Gesetze werden an Bedeutung verlieren, wenn nur noch mächtige Wirtschaftsunternehmen das Sagen haben. Interessant sind dann nur die entsprechend Finanzkräftigen und Gutverdienenden. 
Die Schwachen, Kranken, Armen werden an den Rand gedrängt.

 

Die Demokratie würde sich dann in eine Herrschaft der Konzerne verwandeln. Wenige Manager bestimmten das Leben aller. Rasch wäre der Sozialstaat am Ende. Die soziale Marktwirtschaft, Recht und Gerechtigkeit wären der Spielball der Mächtigen und Starken. Die individuellen Freiheiten würden Stück für Stück immer weiter begrenzt und abgebaut.

 

Dabei sind die Freiheit des Denkens und des Handelns das Fundament unseres demokratischen Zusammenlebens. Ideal ist es dann, wenn alle das gleiche Ziel haben und die Freiheit des einzelnen und der Wille der Gemeinschaft übereinstimmt. Und nicht umgekehrt, wenn der Wille des Staates oder einzelner mächtiger Gruppen die Lebensmöglichkeiten und Freiheiten aller Menschen bestimmen.

 

Vom christlichen Glauben her ist das Ziel eine bunte Gesellschaft mit kultureller Offenheit und vielfältigen Möglichkeiten. Christen werden sich immer für eine Politik einsetzen, in der alle mitwirken können und dürfen. Und eine solche Politik auf der Grundlage der Botschaft Jesu Christi wird nie ausgrenzen, sondern alle – auch 
die Schwachen, Armen und Heimatlosen – im Auge haben. 
Jesu Doppelgebot der Liebe (Matthäus 22,34-40) ist für Christinnen und Christen immer noch die beste Grundlage zu handeln.

 

Deshalb werden sich Christen immer für die Demokratie und ihre Möglichkeiten einsetzen. Denn nur sie ermöglicht die Freiheit des Einzelnen. Das kann manchmal schwierig und kompliziert sein. 
So wie nach der vergangenen Bundestagswahl. Aber Aktivsein zahlt sich aus: Denn, wo alle mitmachen und viele sagen: „Ich glaub, 
ich wähl!“, muss sich kein Staat neu erfinden.

 

Dann wird auch die Frage nach der Regierung nicht mehr so wichtig sein. Denn wo der Einzelne verantwortungsvoll für die Gemeinschaft handelt, muss niemand mehr fragen: „Wer regiert uns?“

Pfarrer Eberhard Heuß