Thema Monatsgruß 06/07 2019

Taufe neu entdeckt

Gedanken von Pfarrer Thomas Bovenschen

„Unser Kind soll später selbst entscheiden, ob es getauft werden will!“ Die durchaus interessierte Mutter schaut mich freundlich, aber auch etwas herausfordernd an. Was würde ich als Pfarrer jetzt dazu sagen? Das klingt plausibel – zumindest auf den ersten Blick. Denn Taufe begründet eine Beziehung. Es geht um den Bund zwischen einem Menschen und Gott. Wer auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft wird, dessen Leben gehört zu Gott.
Damit verbindet sich die Zusage, dass Gott sich mit Hingabe und Leiden­schaft um jeden kümmert, der zu ihm gehört. Der Getaufte wird so zur Tochter oder zum Sohn Gottes und hat als Erbe Anteil an Gottes Reich. Wenn es bei einer Taufe um derart wichtige Zusammenhänge unseres Lebens geht, dann sollten wir schon selbst entscheiden können. In unserem modernen Denken werden Entscheidungen, die große Auswirkungen auf unser Leben haben, zunehmend als etwas Individuelles verstanden. Andererseits wächst ein Bewusstsein, dass wir immer auch zu einer Gemeinschaft gehören, die die Grundlagen unseres Lebens mitbestimmt. So entdecken viele Eltern ganz neu, wie bereichernd es ist, dem eigenen Kind am Anfang seines Lebens zuzusprechen, was sein Leben leiten und ihm Schutz und Fundament geben soll. Das ist völlig legitim, besonders, wenn wir das an die nächste Generation weitergeben, was sich für uns selbst als tragend und bereichernd erwiesen hat. Das Erleben praktizierten Glaubens im Elternhaus legt wie nichts sonst ein Fundament fürs Leben. Wenn Eltern entscheiden, ihr Kind taufen zu lassen, dann sollte dies allerdings nicht als Automatismus verstanden werden. Taufe ist niemals ein Automatismus! Sie muss immer wieder ergriffen werden. Diese Überzeugung hat zur Praxis der Konfirmation geführt. Noch wichtiger ist aber, sich in den jeweiligen Herausforderungen des Alltags immer wieder zu fragen: Was bedeutet es, dass ich durch meine Taufe zu Christus gehöre? Was darf ich mir davon erwarten?
Es geht um die Entwicklung einer eigenen Praxis eines Lebens aus der Taufe. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand als Baby, als Jugendlicher oder als Erwachsener getauft wurde. Diese Aufgabe stellt sich jedem Getauften. Eines sollten wir bei all dem niemals vergessen: Lange bevor wir uns zu Entscheidungen über unsere Beziehung zu Gott durchringen, hat er schon eine Entscheidung getroffen. Er will den Bund mit uns!
Er bietet uns seine Fürsorge, Liebe und bedingungslose Annahme. Er hat uns berufen zu einem Leben in seiner Gemeinschaft. Von seiner Seite ist alles klar. Es kann durchaus sein, dass sich diese Seite der Taufe, also Gottes Ja zu uns, als der wesentlich verlässlichere Teil unserer Taufe erweist. Martin Luther jedenfalls wusste um Krisen, in denen er froh war, in seine Taufe „zurückkriechen“ zu können. Hier liegt wohl auch eine der Stärken der Kindertaufe. Ihr Zeitpunkt macht besonders deutlich, dass uns Gottes großes Ja zugesagt wird, lange bevor wir selbst in irgendeiner Weise Ja zu Gott sagen können. Genau dies gilt es, uns immer wieder vor Augen zu halten – egal, wann wir getauft wurden.

 

 

Taufe als gemeinsames Fest

Gedanken von Pfarrerin Petra Harring

Tauffeste gibt es in Großstädten an Plätzen mit Brunnen, es gibt sie an Flussufern oder an flachen Stellen am See und jetzt auch am Boden-see, im Nonnenhorner Kurpark und im Lindenhofpark in Lindau-Bad Schachen. Das spa rt schon einmal all den Aufwand, den es sonst braucht, um die Kirche und später den Raum festlich zu gestalten. Schöner als am See mit den Bergen am Horizont, über einem der weite Himmel, vor einem das glitzernde Wasser, schöner geht‘s nicht. Für manch einen ist allein das schon ein Grund, draußen zu taufen, mitten in Gottes schöner Schöpfung das Herz aufgehen zu lassen und Danke für ein neues Leben zu sagen. Und dann feiern ja viele mit: die ganze Gemeinde ist da, freut sich über die kleinen und größeren Täuflinge, betet mit, singt mit. Mit einem Mal spürt man diesen besonderen Geist, der alle verbindet, mit einem Mal spürt man es, wir sind als Christen eine große Familie. Wenn viele den Täufling begeistert als neues Mitglied der Gemeinde begrüßen und be-klatschen, dann sind das Gänsehautmomente. Solche Momente gibt es halt nur in der Gemeinschaft. Die hilft auch, wenn es in den Familien gerade einmal nicht so harmonisch zugeht oder das Geld bei einem jungen Paar noch nicht für ein großes Familienfest reicht. Hier geht´s zünftig und festlich zugleich zu mit Bierbänken und Selbstgebackenem. Jeder bringt was mit – auch an Ideen – und daraus wird ein großes gemeinsames und zugleich persönliches Fest. Apropos Gemeinschaft: Mein Traum wäre es, dass wir in Nonnenhorn Kirchengeschichte schreiben. Soweit ich weiß, wäre es das erste ökumenische Tauffest. Gemeinsam feiern wir den Gottesdienst und bei der Taufe biegt die eine Familie zum katholischen Priester, die andere zur evangelischen Pfarrerin ab. Auch rechtlich wäre das kein Problem, denn beide Kirchen erkennen die Taufe der anderen Konfession an. So könnten wir Familien entgegenkommen, die sich fragen, ob das Kind nun evangelisch nach dem einen oder katholisch nach dem anderen Elternteil werden soll. Auch wenn bei einem Tauffest viele Menschen mitfeiern, ist es uns wichtig, dass es auch die ganz persönlichen Momente gibt: nur der Täufling, seine Familie, Pfarrer oder Pfarrerin und Gott. Schließlich gibt es die Taufe nur ein einziges Mal im Leben – diesen Moment, wo der Himmel über einem aufgeht und es ist, als ob Gott sagt: Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter.