Monatsgruß 12 2020 / 01 2021

Sich in den Advent hineintasten

Ein Gespräch zwischen Ruth Eberhardt vom Monatsgrußteam und Pfarrer Jörg Hellmuth 

 

Jörg Hellmuth: Findest du es schlimm, dass es in diesem Jahr keine Hafenweihnacht gibt und viele Adventsfeiern ausfallen?

 

Ruth Eberhardt: Ich find’s schade. Denn ich gehe gerne mal auf einen Weihnachtsmarkt, lasse mich verzaubern vom Lichterglanz und feiere mit anderen Menschen. Das fehlt jetzt. Andererseits sehe ich manchmal mit Unbehagen, dass aus der Adventszeit immer mehr eine Eventszeit wird. Vor lauter Betriebsamkeit kommen wir manchmal gar nicht mehr zur Besinnung. Wir möchten uns diesem Sog entziehen, schaffen es aber oft nicht. In diesem Jahr ist jedoch vieles anders – und auch mit Sorgen und Nöten verbunden. Da brauchen wir eine inhaltliche Substanz, die uns trägt. Wie können wir zum Kern der Advents- und Weihnachtszeit vordringen? Wie geht Besinnung?

 

Jörg Hellmuth:Das Coronavirus wirft uns auf uns selbst zurück. Sich mit Freunden treffen oder wegzugehen, ist jetzt oft gar nicht möglich. Da ist jeder mit sich selbst konfrontiert und muss versuchen, mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten klarzukommen. Das ist gar nicht so einfach. Mir sind dabei Worte aus Psalm 62 eine Hilfe: „Sei nur stille zu Gott, meine Seele. Er ist mein Fels, dass ich gewiss nicht wanken werde.“ Wenn es mir nicht gut geht, sage ich sie mir immer wieder vor und versuche mir vorzustellen, wie Gott mir ganz nahe ist und mein Fels ist. Ich glaube, die Adventszeit eignet sich für so eine persönliche Meditation. Wie stimmst du dich auf den Advent ein?

 

Ruth Eberhardt: In meiner Familie gibt es ein schönes Ritual: Am Samstag vor dem ersten Advent wird der Adventskranz gebunden und geschmückt. Das war schon in meiner Kindheit so. Der Duft von frischen Tannenzweigen erfüllte die Stube, meine Mutter legte alle Alltagsverpflichtung ab und eine ganz besondere Atmosphäre breitete sich aus. Es war, als ob die Zeit kein Ende hat. Diese Tradition pflege ich weiter: In meinen Adventskranz binde ich nicht nur Tannenzweige, sondern auch diese Kindheitserinnerung, die Schönheit des gegenwärtigen Augenblicks und die Sehnsucht nach der Tiefe der Heiligen Nacht. Dann wird mir bewusst, dass Advent vor allem Hoffnung bedeutet, so wie es in einem Adventslied heißt: Seht, die gute Zeit ist nah! Das gilt weiterhin, auch wenn der Advent in diesem Jahr oft nur in reduzierter Weise und zu Hause gefeiert werden kann. Hast du noch weitere Ideen für den Advent 2020?

 

Jörg Hellmuth: Zu dem „Drinnen“ kommt für mich das „Draußen“ dazu. Ich möchte viel in die Natur gehen, das geht auch gut zu Coronazeiten. An den See möchte ich, in den Wald, auf die Weißensberger Halde. Weihnachten ist doch draußen passiert. Die Sterndeuter sind genauso wie Maria und Josef auf staubigen Straßen unterwegs gewesen, die Hirten waren draußen auf der Wiese bei den Schafen, nachts, unter freiem Himmel. Ich stelle es mir schön vor, verstärkt nachts nach Draußen aufzubrechen, nach den Sternen und den besonderen Lichtern dieser Jahreszeit Ausschau zu halten oder auch ein Hirtenfeuer anzuzünden. 

 

Ruth Eberhardt: Das erinnert mich daran, dass die Weihnachtsgeschichte eigentlich gar nichts Heimeliges hat, sondern extrem herausfordernd ist: Die kleine Familie findet keine Herberge und muss dann auch noch vor Herodes fliehen. Diese Geschichte verdichtet so viele verschiedene menschliche Schicksale. Es ist interessant zu überlegen, welche Rolle man selbst darin spielen würde: Bin ich ein Hirte, der von den Ereignissen überrascht wird und demütig die Knie beugt? Oder bin ich ein König, der von weit her anreist und wertvolle Geschenke bringt? Bin ich eher
wie Maria, wie Josef oder wie eine der anderen Figuren? Da gibt es zum Beispiel noch Elisabeth, Zacharias und Simeon. Wer fasziniert dich?

 

Jörg Hellmuth: Unter den Adventsgestalten fasziniert mich der alte Simeon. Er hat ein ganzes Leben gewartet, um den Messias sehen zu dürfen. Als Maria und Josef am achten Tag nach der Geburt Jesus in den Tempel zur Beschneidung bringen, lassen sie kurz mal Simeon ihr Kind halten. Ich stelle mir vor, wie glücklich dieser alte Mann nach den auszehrenden Jahren des Wartens gewesen sein muss! Wir befinden uns
gerade auch im Wartezustand, wir warten darauf, dass wir das Virus in den Griff bekommen. Bis das gelingt, brauchen wir die Geduld und Zuversicht, in der sich der alte Simeon ein ganzes Leben lang geübt hat. 

 

Ruth Eberhardt: Auf das Ende der Pandemie warten wir derzeit sicherlich am meisten. Wir warten aber auch sonst oft im Leben: an der Bushaltestelle, vor der Supermarktkasse oder beim Arzt. Wir warten auf den  Moment, an dem wir an der Reihe sind. Worauf warten wir im Advent?

 

Jörg Hellmuth: Letztlich auf ein heiles Weihnachten, an dem man spürt: Ich habe Heimat auf der Erde, ich habe einen Platz, wo ich sein kann.

 

 

 

Adventszeit ist Wartezeit, unser ganzes Leben aber ist
Advents- das heißt Wartezeit aufs Letzte, auf die Zeit, 
da ein neuer Himmel und eine neue Erde sein wird.

Dietrich Bonhoeffer