Musik gibt dem Leben einen Klang

Monatsgruß: Lieber Herr Pflomm, Sie haben am 1. Mai 2020 Ihren Dienst als Kantor und Organist in Lindau und im Westallgäu aufgenommen.
Wie war Ihr Start?

 

Pflomm: Ich bin sehr herzlich von den Menschen aufgenommen worden. Ich habe gespürt, dass der Kirchenmusik am bayerischen Bodensee eine positive Grundstimmung entgegenbracht wird. Natürlich war der Anfang auch schwierig. So richtig Kontakte zu knüpfen, war mir in der Distanzzeit gar nicht möglich. 

 

Monatsgruß: Haben Sie schon einen Eindruck von einer ersten musikalischen Landkarte hier vor Ort bekommen?

 

Pflomm: Ja, auf dieser Landkarte sehe ich bunt verstreut einige kleine Gehöfte. Jedes Gehöft ist eine musikalische Gruppierung, ein Instrumentalensemble, ein Vokalensemble. Jedes dieser Gehöfte ist für sich ein Einsiedlerhof, die Verbindung untereinander kann ich oft noch nicht erkennen. 

 

Monatsgruß: Was sind Ihre Vorhaben für das Jahr 2021?

 

Pflomm: Mein Herzensanliegen für 2021 ist die Gründung einer Lindauer Kantorei. Ich möchte gerne mit einem Chor arbeiten, der sich Woche für Woche trifft. Realistisch erscheint mir, frühestens nach den Sommerferien damit zu starten. Die Orgelkonzerte und -matineen will ich gemeinsam mit Axel Becker, Sven Dartsch und Nikolaus Schwärzler fortführen und weitere Organisten aus der Umgebung dazu einladen. Mir schweben Gospelprojekte vor. Das könnte so aussehen, dass ich mich mit allen, die gerne Gospels singen, jeweils zu drei bis vier Proben treffe und wir anschließend im Gottesdienst oder einer anderen Veranstaltung singen. 

Im Sommer wird ein neues Veranstaltungsformat starten, die „Stunde der Kichenmusik“ – sonntagabends einmal im Monat im Wechsel mit dem Kunstgottesdienst in St. Stephan. Die Musik und die Liturgie stehen dabei im Vordergrund. 

Mir schwebt zudem vor, an einem Werktag vormittags Senioren ins Gemeindehaus einzuladen, um mit ihnen Lieder aller Stilrichtungen zu singen und Kaffee zu trinken. Außerdem möchte ich gerne Tagesfahrten anbieten, bei denen wir mehrere Kirchen besuchen und deren Orgel besichtigen und hören. Vielleicht ergibt sich ja auch noch die Möglichkeit mit Kindern zu singen?

 

Monatsgruß: Sie haben als Schulmusiker und als Kirchenmusiker gearbeitet. Warum reizt es Sie jetzt, in der Kirche zu arbeiten? 

 

Pflomm:  Mir gefällt es, mit allen Generationen, mit Jungen und Alten zusammenzuarbeiten. Kirchenmusik ist immer auch ein Gemeinschaftserlebnis, da bleibe ich nicht Einzelkämpfer. Gemeinsam zu singen und zu musizieren, macht einfach Spaß. Als Kirchenmusiker bin ich zudem sehr frei: Ich kann die Musik auswählen, die ich im Augenblick für die geeignete und passende halte, ich bin nicht an Lehrpläne gebunden. 

 

Monatsgruß: Die Kirchenmusik ist sehr vielseitig. Wo schlägt denn Ihr Herz ganz besonders? 

 

Pflomm: Ich liebe die klassische Kirchenmusik von Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz oder Johann Hermann Schein. Dazu kommen für mich Spätromantiker wie Max Reger, die Engländer Edward Elgar oder Charles Villiers Stanford oder die Franzosen Charles-Marie Widor oder Olivier Messiaen. 

Ich bin aber grundsätzlich ein neugieriger Mensch und deswegen sehr offen für alle Arten von (Kirchen)musik. Ich mache auch gerne Gospelmusik, weil sie eine andere Frömmigkeit transportiert. Ich mag aber auch populäre Musikstile und habe mich erst kürzlich für einen Alp­hornkurs angemeldet, das möchte ich unbedingt lernen. Immer wenn Musik von Herzen kommt und mit Leidenschaft musiziert wird, werde ich hellhörig.

 

Monatsgruß: Wenn man sieht, wie Sie einen Chor dirigieren oder hört, wie Sie einen Choral im Gottesdienst begleiten, spürt man, dass sie Musiker mit Leib und Seele sind. Was ist die Stärke der Musik in der Kirche der Reformation, die so gerne das Wort ins Zentrum rückt? 

 

Pflomm:  Es gibt Situationen im Leben, in denen einem die Worte ausgehen, die Musik aber ins Spiel kommt. Musik schafft es, dem Wahren eine Stimme zu geben. Damit meine ich, dass die Musik das Leben und den Glauben in all seinen Facetten in Töne und Klänge umsetzen kann. Mir fällt dazu die Musik Gustav Mahlers ein, seine 9. Symphonie. Er hat sie am Ende seines Lebens geschrieben, es geht es um Abschiednehmen von der Welt, aber auch um Trost. Schön erzählt hat das Robert Seethaler in seinem Buch „der letzte Satz“. In ihm beschreibt er, wie Mahler seine letzte Fahrt mit dem Schiff von der USA nach Europa bewältigt. Im Sommer habe ich dieses Porträt Gustav Mahlers gelesen, ich kann es nur empfehlen.

 

Monatsgruß: Sie haben mehrere Jahre Schülerinnen und Schülern an einem Gymnasium in dem Schulfach Musik unterrichtet. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit können Sie gut in Ihrer Arbeit als Kirchenmusiker einbringen?

 

Pflomm: In der Schule hatte ich es oft mit Jugendlichen zu tun, die mit Musik wenig anfangen konnten. Mir ist es wichtig geworden, dass ich mir vor Augen halten: Jede und jeder, der mir begegnet, hat sich möglicherweise noch gar nicht mit Musik beschäftigt, ich will Verständnis dafür haben. Ich möchte alle praktisch erfahren lassen und ihnen vermitteln: Ich mag Musik. Und ich mag diese oder jene Musik, weil … 

Mir ist als Schulmusiker aber auch wichtig geworden, dass Kirche und Schule Partner sind, die vielfältig voneinander profitieren können. So kann ich mir gut vorstellen, dass Schulchöre Gottesdienste in den Gemeinden mitgestalten und umgekehrt ich in die Schule gehe, um neue Orgelschüler zu gewinnen. Orgel ist eines der faszinierendsten Instrumente, wer könnte die Liebe zur Orgel den Schülern besser vermitteln als ein Kirchenmusiker? 

 

Monatsgruß: Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer Freizeit? 

 

Pflomm: Ich wandere gerne, da bin hier in Lindau genau richtig. Ich war im Sommer in Scheidegg und Lindenberg laufend unterwegs, aber auch in St. Anton, auf dem Hohen Kasten und der Schesaplana. Gipfelblicke finde ich sehr erhebend. Begeistert hat mich auch eine Wanderung vom Montafon nach Klosters, von einer Kultur in die andere. 

 

Monatsgruß:  Vielen Dank für das Interview. Es ist Ihnen zu wünschen, dass Sie viele Ihrer Ideen bald in die Tat umsetzen können. Falls das nicht möglich ist, wünschen wir Ihnen Geduld und Gelassenheit!

 

Das Gespräch führte Pfarrer Jörg Hellmuth