Thema Monatsgruß 12/2022 - 01/2023

Weihnachten in Sicherheit

Drei Interviews

Sicherheit erleben – diese Sehnsucht haben viele Menschen. Drei Gemeindemitglieder aus verschiedenen Alters- und
Berufsgruppen haben sich einem Interview gestellt und ihre persönliche Perspektive auf das Thema geschildert.

 

Jona Stammel, 22 Jahre, Student der Religionspädagogik im Praxisjahr

 

Erzählen Sie von einem Moment, in dem Sie sich so richtig sicher fühlten.

Jona Stammel: Mir fällt der Gottesdienst am Nachkonfi-Wochenende am Walchensee ein. Da sitzen 150 Jugendliche am Ufer und schauen auf den See hinaus. Wir singen, beten und hören zu. Am Ende kann sich jeder segnen lassen. Der See, die Berge außen herum und dazu der Sonnenuntergang, das wirkte auch alles total friedlich. Ich habe dabei nicht an alles denken müssen, was auf der Welt vor sich ging. Das war total weit weg, auch weil es keinen Handyempfang dort gibt. Auch durch meine Freunde fühlte ich mich sehr wohl, weil ich wusste, dass hier Menschen sind, denen ich vertrauen kann und die mich so mögen, wie ich bin. Ich fühlte mich geborgen, von Gott behütet und beschützt.

 

Der Weihnachtsengel verkündet zu Weihnachten: „Fürchtet euch nicht!
Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!“
(Lk 2,10).

 

Wie hören Sie diese Worte dieses Jahr?

Jona Stammel: Ich höre diese Worte ganz klar als Ermutigung! Die große Freude wird allem Volk widerfahren – daran zu glauben schafft Mut bei mir und hoffentlich auch bei anderen. Normalerweise lösen diese Worte bei mir auch große Freude aus. Einmal freut sich das Kind in mir, dass Weihnachten ist. Über Geschenke, den Christbaum und das leckere Essen zum Beispiel. Aber seit ich älter bin vor allem, weil es eben die Verkündigung von etwas Bahnbrechendem ist: Gott ist in Menschengestalt (also als einer von uns!) auf die Erde gekommen, um jedem Einzelnen von uns Hoffnung zu spenden! Dieses Jahr fühle ich mich allerdings etwas mulmig damit. Ich weiß nicht, ob beispielsweise Ukrainerinnen und Ukrainer diese große Freude an Weihnachten mit uns teilen können. Auch hier wird es für viele Familien wahrscheinlich ein weniger freudiges Weihnachten als letztes Jahr. Weil sie vielleicht frieren, Angst um ihre Verwandten oder Freunde haben müssen oder weil für Geschenke das Geld nicht reicht.

 

Sie haben ein Bild ausgewählt, welches für Sie Sicherheit symbolisiert.
Erklären Sie doch kurz, was zu sehen ist und warum Sie es ausgewählt haben.

Jona Stammel: Auf meinem Bild ist der Walchensee zu sehen, mit dem Herzogstand im Hintergrund. Das Bild habe ich gewählt, weil ich es direkt nach dem eben erwähnten Gottesdienst aufgenommen habe. Und weil es Ruhe ausstrahlt. Wirklich ruhen lässt sich ja nur in Sicherheit.

 

 

 

Silke Ergenschäfter, 44 Jahre, Lehrerin

 

Wie sicher fühlen Sie sich im Moment?

Silke Ergenschäfter: Wir als Familie fühlen uns sicher. Das ist leicht, denn wir haben uns gegenseitig. Und nichts gibt mehr ein Gefühl von Sicherheit als Gemeinschaft, Geborgenheit, Rituale wie die gemeinsamen Mahlzeiten, Beten vor dem Ins-Bett-Bringen, sich gegenseitig zuhören, Raum für Erzählungen lassen und gegenseitiges Vertrauen.

Das gemeinsame Schauen der abendlichen Logo-Kindernachrichten wirft natürlich Ängste und Fragen auf. Werden die Raketen auch nach Deutschland kommen? Müssen wir im Winter frieren? Sind unsere Kleider- und Geldspenden auch wirklich bei den ukrainischen Kindern angekommen? Werden die ukrainischen Kinder aus unserer Klasse Weihnachten nächstes Jahr wieder zu Hause feiern können? Das gemeinsame Gespräch ist heute wichtiger denn je. 

 

Der Weihnachtsengel verkündet zu Weihnachten: „Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“.

 

Wie hören Sie diese Worte dieses Jahr?

Silke Ergenschäfter: Wir haben es leicht, die Weihnachtsbotschaft so anzunehmen. Fürchten müssen wir uns nicht. Wir werden Heiligabend in Sicherheit sein, Weihnachtsgottesdienst, heimelige Bescherung im warmen Haus mit gut gefülltem Magen. Für die Kinder wird es hier kaum Einschränkungen geben. Anders als im ersten Coronajahr dürfen sogar die Großeltern so lange bleiben, wie sie mögen und nicht schon um 20.45 Uhr das Fest verlassen, um vor der Sperrstunde zu Hause zu sein. Dieses Jahr werden aber sicher die Gedanken zu denen wandern, die weit entfernt sind von heimeligen Weihnachten.

Sie haben ein Bild ausgewählt, welches für Sie Sicherheit symbolisiert.
Erklären Sie doch kurz, was zu sehen ist und warum Sie es ausgewählt haben.

Silke Ergenschäfter: Ich habe Dorothea Steigerwalds Plastik „Bleib sein Kind“ ausgewählt. Sie symbolisiert für mich umschließende Sicherheit und großes Vertrauen mit dem Zuspruch „Gott hält mich fest und richtet mich auf“. Auch für unsere Kinder ist das ein Bild, mit dem sie sich identifizieren können. Denn so erleben sie Geborgenheit von Geburt an.

 

 

 

 

Klaus Müller, 65 Jahre, Wirtschaftsprüfer im Ruhestand

 

Wie „sicher“ fühlen Sie sich im Moment?

Klaus Müller: Der längste Teil meines bisherigen Lebens war geprägt von stetig zunehmendem Wohlstand. Kriegerische Auseinandersetzungen, (Umwelt-)Katastrophen, Hunger und Not waren ganz überwiegend am anderen Ende der Welt zu finden. Die Schere zwischen „globalem Norden“ und „globalem Süden“ ging immer weiter auf. Und wenn überhaupt beruhigten wir unser schlechtes Gewissen durch Spenden und Mitgefühl.

Und heute?  Wir stehen vor einem Scherbenhaufen. Margot Käßmann und Heinrich Bedford-Strohm sagten es einmal so: „Die Schöpfung seufzt unter den Belastungen, die wir Menschen ihr zumuten.“ (aus Käßmann, Margot und Bedford-Strohm, Heinrich: Die Welt verändern). Ja – ich blicke mit Sorge auf dieses Weihnachtsfest und fürchte mich. Aber ich trage auch Hoffnung in mir. Doch dazu müssen wir unser Verhalten radikal ändern.

 

Der Weihnachtsengel verkündet zu Weihnachten: „Fürchtet euch nicht!
Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“. Wie hören Sie diese Worte dieses Jahr?

Klaus Müller: Die tröstende und ermutigende Weihnachtsbotschaft besteht für mich darin, dass Gott seinen Sohn Jesus Christus als Licht in die Welt gesandt und uns damit die Hand reicht, im Namen Jesu zu handeln. Der Wissenschaftler Hoimar von Ditfurth hat den düsteren Prognosen über das Schicksal unserer Erde folgende Hoffnungsbotschaft beigefügt: „Einzig mit dem Gebot der Bergpredigt lässt sich der aus den Fugen geratene Planet noch ordnen, aber viel Zeit bleibt uns nicht mehr“ (aus von Ditfurth, Hoimar: Innenansichten eines Artgenossen). Rückblickend auf mein aktives (Berufs-)Leben habe ich viel zu zögerlich Gottes Hand und Angebot ergriffen und entsprechend der Bergpredigt nachhaltig und im Sinne des Gemeinwohls gehandelt. Wenn jeder von uns mit seinen Fähigkeiten und Gaben nur ein bisschen nach Gottes Hand greift, dann habe ich Hoffnung und finde Ermutigung in der Weihnachtsbotschaft.

 

Sie haben ein Bild ausgewählt, welches für Sie Sicherheit symbolisiert. Erklären Sie doch kurz, was zu sehen ist und warum Sie es ausgewählt haben.

Klaus Müller: Das Bild zeigt den Altar der Christuskirche. Ich habe es im Zuge des Aufstellens und Schmückens der Christbäume 2019 gemacht. Es gibt mir Sicherheit im Glauben. Es verbindet die frohe Weihnachtsbotschaft über die Geburt von Jesus Christus mit der  Auferstehungsbotschaft:  Das Leben siegt! Wo Trauer war, zieht Freude ein. Eine tröstliche, über alle Konfessionsgrenzen hinausgehende Botschaft.

 

Die Interviews führte Pfarrer Philipp Müller

 

 

 

 

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